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Trekking auf der wilden Chinesischen Mauer

Die Chinesische Mauer wurde einst als Schutzwall gegen die heranstürmenden Reiterheere der Mongolen gebaut. Heute ist der 20‘000 Kilometer-Wall über weite Strecken verwildert und bietet ein unvergessliches Wandererlebnis.

Erfasst von Samuel Schumacher, Imbach Reiseleiter, Journalist und Fotograf

Herr Wu weiss nicht, was er ohne die Mauer tun würde. Er hat es sich nie überlegt. Wieso auch? Die Mauer war schliesslich immer da, hat sich immer ewig über die Hügel hinter seinem Haus gezogen, scheinbar ohne Anfang und ohne Ende. Vor langer Zeit waren hier Soldaten stationiert, viele Soldaten. Das weiss Herr Wu. Die standen auf der Mauer und starrten Richtung Norden. Denn da lagerte der Feind, die mongolischen Reiterheere, die das chinesische Kaiserreich während Jahrhunderten bedrohten. Die Mauer war ein Schutzwall, der Fremde fernhalten sollte. Heute tut sie das Gegenteil: Sie zieht Fremde an. Fremde wie uns, die sich das grösste Bauwerk der Menschheitsgeschichte anschauen wollen, die sich von der Endlosigkeit dieses Gewaltbaus überzeugen und die mystische Landschaft, durch die sich die Mauer gut 20‘000 Kilometer lang zieht, erleben wollen.

Herr Wu findet das gut, dass die Mauer jetzt die Fremden anlockt. Schliesslich verdient er als Mauerwächter sein Geld mit den Wanderern, die hier am Übergangspass zwischen der Jiankou Mauer und der angrenzenden Huanghuacheng Mauer vorbeikommen. Herr Wu kassiert bei unserem Guide die Wandergebühren ein und verkauft uns ein paar Postkarten. Der 87-Jährige macht das seit über 20 Jahren, seit er nicht mehr jeden Tag als Bauer in den umliegenden Kastanienwäldern arbeiten kann. Sagen tut er nicht viel, und wenn, dann nur so leise, dass unser Guide Danny ganz genau hinhören muss, um den Greis mit dem vergilbten Mao-Käppchen und dem viel zu grossen Hemd zu verstehen.

Der Wall verwildert

Die Verschnaufpause, die uns die Begegnung mit Herr Wu bescherte, kam gerade recht. Denn der Aufstieg auf die Huanghuacheng Mauer, den wir uns heute vorgenommen haben, ist steil und wild. Seit vier Tagen wandern wir nun schon auf der Chinesischen Mauer, weit ab von jenen toprestaurierten Mauerabschnitten nahe der Hauptstadt Peking, zu denen jeden Tag tausende Grossstadtmenschen mit Selfie-Sticks und Turnschuhen reisen, um sich mit Gondelbahnen auf die Mauer fahren zu lassen und ein paar Erinnerungsbilder zu schiessen. Die Mauerabschnitte aber, die wir uns auf unserer Trekkingreise vorgenommen haben, sind einsam, wild, oft kaum restauriert und von den Touristenströmen völlig verschont. Die Mauer ist hier menschenleer.

Das war lange anders. Zu Zeiten der Ming-Kaiser, die China zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert regiert hatten und den Mauerbau wie keine andere Dynastie vor oder nach ihnen vorantrieben, marschierten hier bewaffnete Battalione auf und ab. Entlang der Mauer entstanden Dörfer und kleine Städte, die die Soldaten versorgten und die vom blühenden Handel im Schatten der Mauer profitierten. Die sogenannte Ming-Mauer stellte die nördliche Grenze des chinesischen Grossreiches dar, verlor nach dem Einmarsch der Mandschuren 1644 aber ihre Bedeutung und verwilderte zusehends.

Von Drachen und kauernden Tigern

Das bekommen wir heute zu spüren. Die Huanghuacheng Mauer ist überwuchert mit allerlei Gestrüpp, der Trampelpfad, der sich auf der überwaldeten Mauer dahinzieht, ist uneben und schmal. Wir ducken uns unter Ästen durch und drücken mit den Wanderstöcken dornige Büsche weg. Die Chinesische Mauer ist eben kein Wanderweg. Sie ist ein über weite Strecken zerfallener Kriegsbau, der ganz und gar nicht so gebaut wurde, dass man ihn leicht besteigen oder locker auf ihm spazieren kann.

Und trotzdem: Die Mauer bietet sich heute als ideale Trekking-Strecke an. Damit die Soldaten zu Zeiten der Ming-Kaiser stets den Überblick behalten konnten, wurde sie konsequent den Hügelkämmen entlang gebaut, also immer an der topografisch höchsten Stelle der Landschaft. Für uns Mauer-Wanderer heisst das: fantastische Ausblicke auf alle Seiten hin. Und: gelegentlich kühle Windstösse, die über die Kreten kriechen und uns im warmen chinesischen Herbst mehr als willkommen sind.

Die Lage der Mauer auf den Hügelkämmen heisst aber eben auch, dass es praktisch nie gerade aus sondern immer rauf und runter geht, in wellenförmigen Kurven, die in den Augen unseres Guides Danny aussehen wie Drachen. Oder manchmal auch wie Tiger, wie die Wohushan Mauer, auf die wir am zweiten Tag unserer Trekking-Tour wanderten. „Der Berg erinnert mich immer an einen kauernden Tiger, und die Mauer, das sind die Nackenhaare, die sich sträuben“, erklärte Danny, als wir nach anderthalb Stunden Aufstieg auf dem Dach eines alten Wachturms stehen und zusehen, wie die Abendsonne hinter den scheinbar tausend mattblauen Hügelzügen verblasst.

Peking am Horizont

Drachen, Tiger… und natürlich Schlangen! Auch auf sie treffen wir, im architektonischen Sinne, am zweitletzten Tag unserer Trekking-Tour. Die Mauer, die das einsame Tal umzieht, in dem wir bei einer Bauernfamilie übernachtet haben, heisst Jiankou. In Dannys Augen sieht sie aus wie eine weisse Schlange, die sich durch die felsige Landschaft frisst. Auf dem Rücken der weissen Schlange kraxeln wir hoch zum „Neun Augen Turm“, einem der berühmtesten Wachtürme der wilden chinesischen Mauer. Auf alle vier Seiten hin hat er neun Fenster. Wer an einem klaren Tag durch eines der neun Südfenster schaut, kann in weiter Ferne die Skyline von Peking erkennen – von jener Stadt, in der die Ming Kaiser ihren Regierungssitz hatten, zu dessen Schutz sie die Mauer errichten liessen.

In Peking, der 25-Millionen-Metropole, hatten wir unsere Reise gestartet. Eine andere Welt, eine laute Welt voller Wolkenkratzer und Kaisertempel, voller emsiger Gassen und Industriebrachen, voller Düfte und riesiger Menschenmassen, voller hupender Verkehrsstaus und stickiger Luft: ein keuchender Monsterdrache von einer Stadt. Vom Ausguckfenster des Neun Augen Turms herab sieht sie trotzdem ganz friedlich aus, die City in der dunstigen Ferne. Fast so, als hätte sie Angst, mit zu viel Krach und Gefauche die unvorstellbar riesigen Drachen und Tiger und Schlangen aufzuwecken, die sich im Norden wild und wuchtig und wunderschön durch das Riesenreich ziehen.

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