Kemmeriboden-Bad im Winter

Frei wie ein Adler

Zwischen der Schrattenfluh, dem Hohgant und dem Brienzergrat liegt ein ruhiges, unberührtes Gebiet, das sich mit Schneeschuhen bestens erkunden lässt. Auch kulinarisch gibt es hier einiges zu geniessen.

Von Monika Neidhart, Journalistin Active-Live Magazin

Daraus sind die Träume von Schneeschuhläufern gemacht: tiefer Pulverschnee, unberührte Hänge, einsame Pfade, wolkenlos blauer Himmel, Panoramablick in die Berge. All das findet man in der Biosphäre Entlebuch. Als Basis für mehrere Schneeschuhtage bietet sich das Hotel Kemmeriboden-Bad an, ganz zuhinterst in der hintersten und obersten Gemeinde des Emmentals. Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurde hier die Mineralquelle als Bad genutzt. Das Bad gibt es zwar nicht mehr, mal abgesehen von einem kleinen Hotpot. Dafür ist der ganze Gebäudekomplex mit währschaften Emmentaler Holzhäusern aus dem 19. Jahrhundert unter Heimatschutz gestellt. Liebevoll mit Naturmaterialien ausgestattet, strahlt es heute Behaglichkeit aus.

Einzigartige «Land-Art»

Eingekesselt zwischen den zwei Flanken der Schrattenfluh und des Hohgants bleibt die Sonne diesem Flecken Erde im Winter fern. Doch der Blick aus dem Hotelzimmer, 1000 Meter hinauf zum markanten Schibegütsch am Ende der Schrattenfluh, weckt die müden Geister. Der nackte Fels leuchtet bereits im Morgenlicht. Ein sonniger Tag kündigt sich an. Gestärkt mit viel regionalen Spezialitäten vom Frühstücksbuffet wie Büffelmozzarella,Büffeltrockenwurst oder einem kräftigen, aromatischen Emmentaler kann es losgehen Richtung Heitbüel, ins Quellgebiet der Emme.

Der erste Teil der Schneeschuhtour führt uns hinter dem Hotel weiter ins enge Tal hinein, auf dem Skulpturenweg der Emme entlang. Die Schneeschuhspur ist hier tief eingestampft, der Schnee so hoch, dass wir die Stöcke kaum gebrauchen können. Da und dort lugen ein Metallvogel oder Teile von Skulpturen aus dem Schnee heraus. Noch schöner ist die einzigartige «Land-Art» der Natur selber: Dicke Polster liegen auf den grossen Felsbrocken in der Emme, Holzstämme sind sanft rundlich mit einem dicken Schneepolster überdeckt, Äste bilden mit Schnee einzigartige Figuren. Mit dem Gehen öffnet sich langsam die Landschaft. Je höher wir kommen, umso mehr erblicken wir die Spitzen des Brienzergrats. Jede einzelne Zacke im Sonnenlicht. Wir halten uns rechts, gehen ein Stück auf dem Wanderweg Richtung Hohganthütte auf der linken Seite der Emme. Ein Jauchzer entfährt Eva: «Sonne!» Schnell sind die ersten warmen Kleiderschichten im Rucksack. Der Schnee glitzert und funkelt, als würde er aus unendlich vielen Schneeplättchen bestehen. Eine weite, sanft rundlich geformte Geländekuppe liegt vor uns – unberührt - Idylle pur. Nur da und dort einzelne Tierspuren. Marcel Kaeser, der Tourenleiter, zeigt sie uns gern. «Welchen Kraftakt es für das Tier bedeutet, wenn es jedes Mal über 50 Zentimeter einsinkt, könnt ihr euch sicher vorstellen. Umso grösser, wenn es flüchten muss», gibt er zu bedenken. So ist es selbstverständlich, dass wir die Wildruhezonen und Wildschutzgebiete wie hier im Gebiet «Steiniwald – Habchegg – Nollen» achten, um die Tiere möglichst wenig zu stören. Über das offene Gelände geht es Schritt für Schritt leicht aufwärts. Nur das weiche Knirschen des pulvrigen Schnees unter den Schneeschuhen und der Atem sind hörbar. Sonst nichts. Ein etwas satterer Anstieg dann durch eine Waldschneise über die Baumgrenze hinaus. Wir sind auf dem Kamm zwischen dem Brienzer Rothornmassiv und Hohgant, zwischen den Bächen Emme und Leimbach. Herrlich, in dieser Weite zu gehen, in diesem weichen Pulverschnee – zumindest an dritter oder vierter Stelle. An der Spitze der Schneeschuhgruppe tritt Marcel mit jedem Schritt sicher 40 Zentimeter Schnee flach. Eine einzige tiefe Spur – die unsrige – führt durch das weite, unberührte Schneefeld.

Nach rund 8 Kilometern und 600 Meter Aufstieg bietet eine der wenigen Hütten im Gebiet einen trockenen Platz für den Mittagshalt. Vom Dach tropft der schmelzende Schnee. Wir tanken Sonne pur, geniessen die Ruhe und die Aussicht. Vor uns das Tannhorn, einer der markantesten Gipfel des Brienzergrates, weit unten das Quellgebiet der Emme. Im Rücken der 7 Kilometer lange Gebirgszug des Hohgants. «Das ist wie Trampolin-Gehen», lacht ein Gruppenmitglied beim Hinuntergehen. Der Pulverschnee wirbelt mit jedem Schritt hinter ihm auf. Und plötzlich erspäht Marcel einen Adler am blauen Himmel. Gestochen scharf sehen wir, wie der Raubvogel mit seinen Federn arbeitet und sich im Luftstrom bewegt.

Ein Berg voll köstlicher Luft

Im Kemmeriboden-Bad erwartet uns das Dessert des Hauses: handgrosse Meringues aus der Bäckerei Stein, die, wie andernorts ein edler Wein, hier in einem Klimakämmerli bei konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit aufbewahrt werden. Dazu geschlagene «Nidle». Der Doppelrahm, der aus der Bergkäserei Marbach stammt, wird in Milchkannen à 40 Liter angeliefert. An Spitzentagen braucht das Restaurant bis zu 120 Liter. Bruno bestellt die normale Portion. Staunende Anerkennung der Gruppe, dass er die grosse Portion Luft mit Genuss ganz aufisst. Doch woher kommt die caramelbraune Farbe der luftigen, aromatischen «Merängge», die 1939 erfunden wurden, um dem Rahmberg etwas Meister zu werden? Das sonst so gesprächige Personal des Hauses bleibt die Antwort schuldig: «Ein Geheimnis». Zufrieden und müde komme ich in mein Zimmer. Der Schibegütsch hoch oben im gelben Abendlicht. Über dem Bett steht in schwungvoller Schrift in das Holz eingefräst:«ZufriEden».

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