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Grönland

Land aus Eis

Immer mehr Reisende entdecken die Faszination Grönlands. Während die meisten Gäste die Insel vor allem vom Schiff aus betrachten, hat Reiseleiterin Nicole Binkert eine Wandertour konzipiert. Ein Abenteuer, wie sie erzählt.

Erfasst von Stefanie Schnelli im Blog von «artundreise

«170 Kilometer zu Fuss. Elf Tage, in denen wir fast keiner Menschenseele begegnet sind. Mein Rucksack war 19 Kilogramm schwer, beladen mit Essen, Zelt, Kleidung und Schlafsack. Der Arctic Circle Trail zeigt Grönland von seiner schönsten Seite: Menschenleer, wild und abenteuerlich. Für mich ging mit diesem Fernwanderweg ein Traum in Erfüllung. Ich wollte schon immer einmal nach Grönland, wollte die Eisberge sehen, die arktische Luft atmen, die Weite spüren. Doch der Traum schien unerreichbar. Nur sehr teure Expeditionsschiffe, so dachte ich, steuern die riesige Insel an. Bis ich mich entschied, selbst aufzubrechen. Ich habe schon viele Trekkings gemacht, auch im Norden Europas, und ich bin schon sehr viel gereist. Aber Grönland ist anders als alles, was ich bisher gesehen habe. Die Natur, die Eisberge, sind spektakulär. Grönland hat nach der Antarktis die zweitgrösste zusammenhängende Eisfläche der Welt. Rund 80 Prozent des Landes ist das ganze Jahr über von Eis bedeckt. Es ist bis zu drei Kilometer dick und man sagt, wenn es vollständig schmelzen würde, dann würde der Meeresspiegel um sieben Meter ansteigen. An einigen Stellen reicht diese Eisschicht bis ans Meer. Wo Eis und Wasser zusammentreffen, brechen riesige Eisbrocken ab, die vom Meer davongetragen werden. Man weiss heute, dass ein Eisberg aus Grönland für den Untergang der Titanic verantwortlich war.

Es ist ein unglaublich eindrückliches Erlebnis, dabei zu sein, wenn die weissen Berge auf ihre Reise aufbrechen. Das Eis knarzt und kracht und knallt. Es ist richtig laut. Gigantische Brocken donnern ins Wasser, Strömungen tragen sie fort. Gewaltige Kräfte sind am Werk, die Natur arbeitet. Wenn sich dann auch noch Wale ihren Weg durch diese sich permanent verändernde Wasserlandschaft bahnen, ist die Idylle perfekt. Leider ziehen sich die Gletscher durch die Klimaerwärmung aber zurück, es brechen immer kleinere Eisberge ab.

Auf der Wanderreise, die ich für den Wanderspezialisten Imbach Reisen zusammengestellt habe und die ich auch selber leiten werde, schläft die Gruppe eine Nacht im Zelt auf dem Inlandeis. Das musste einfach sein, auf dieses Erlebnis konnte ich nicht verzichten. Es erinnert mich an meine Zeit auf dem Arctic Circle Trail. Die Reise ist aber natürlich weniger anspruchsvoll als der bekannte Trail. Unser Gepäck wird von Ort zu Ort transportiert, wir übernachten in Hotels und Herbergen, einmal auf einer Fähre. Das war die grösste Herausforderung bei der Planung: Gute Unterkünfte zu finden, die noch freie Plätze haben. Die Infrastruktur ist in Grönland noch bescheiden, vielerorts gibt es nur ein Gasthaus mit wenigen Zimmern. Sie sind einfach, ab und zu gibt es nur Duschen und Toiletten auf dem Gang. Es braucht Flexibilität, die Reisenden sollten unkompliziert und offen sein. Dafür ist kein sehr hohes Fitnesslevel nötig, denn die Landschaft ist meist flach. Wanderer durchqueren Tundra mit Moosen und Flechten, kleinen Büschen, buschigem Wollgras und manchmal Blumen. Kleine Gletscherseen und Flüsse ergänzen das natürliche Kunstwerk. Die Diskoinsel ist vulkanisch geprägt und hat schöne Basaltsäulen. Wir besuchen kleine Fischerdörfer und begegnen mit etwas Glück Rentieren, Polarfüchsen und Polarhasen, die neugierig nahe kommen. Die Moschusochsen beobachtet man besser aus der Distanz. Auch Robben leben hier, doch weil sie noch gejagt werden, sind sie scheu. Vor Eisbären müssen sie im Westen jedoch keine Angst haben. Die leben nur im Norden und im Nordosten. Dafür ziehen Wale vorbei, immer wieder. Die sanften Giganten, bei meinem fünfwöchigen Aufenthalt waren es meist Buckelwale, verzaubern bei jeder Begegnung, und mit einem kleinen Boot bei Mitternachtssonne an den Eisbergen vorbei zu fahren und die Tiere singen zu hören, ist etwas vom Berührendsten, das ich erlebt habe.

Meist aber ist das Unmittelbare, das Spontane das grosse Glück, mit dem Wanderer beschenkt werden. Zu Fuss werden die Gäste eins mit der Landschaft. Wenn dann plötzlich der Atemstoss eines Wales zu hören ist und seine Fontäne wenige Meter vom Land entfernt in die Luft stiebt, denkt niemand mehr an eine Whale Watching Tour.

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