Per Boot zum Berg

Die nördlich von Sizilien gelegenen sieben Liparischen Inseln, auch Äolische Inseln genannt, sind ein wahres Reich der Götter: Hier wohnen die Gebieter über Feuer, Wind und Meer Tür an Tür. Hier mischt sich der Schwefelgeruch der Vulkane mit dem süssen Duft von Jasmin, Ginster und Zistrose und dem Salz- und Algenaroma der Meeresgischt.

verfasst von Lucie Paska, Journalistin | Bilder: Lucie Paska

21. Juli 2026

Wer zwischen den zwei grössten Vulkanen Italiens, dem Vesuv bei Neapel und dem Ätna auf Sizilien, eine imaginäre Linie zieht, trifft im Meer vor der sizilianischen Nordküste auf deren wie hingeworfene sieben vulkanische Schwestern und Brüder. Vom Meeresgrund gemessen wären einige von ihnen mit 3600 Metern Höhe dem imposanten Ätna mehr als ebenbürtig. Doch da das Meer hier sehr tief ist, schauen nur ihre Spitzen aus dem tiefblauen Wasser. Die Höchste erreicht dennoch fast 1000 Meter.

Jedes der Eilande hat seinen unverwechselbaren Charakter: Die eine, Salina, besteht aus zwei hohen, spitzen Vulkanen. Sie ist feucht, grün und bewaldet. Die andere, Vulcano, hat zwei grosse, flache Krater und ist teilweise völlig kahl. Die dritte und grösste, Lipari, ist bucklig, schorfig und zerklüftet. Und das kleine Panarea ist Zweigesichtig: eine üppig blühende, sanfte Ostflanke und eine raue, jäh ins Meer abfallende Klippe an der Westküste. Einige der Meeresberge sind sehr alt und schon lange erloschen, andere sind ruhend und die dritte Kategorie ist immer noch aktiv. Um die Gefahr, dass Bewohner und Besucher von einer Eruption überrascht werden, so gering wie möglich zu halten, sind die Felseninseln mit Kameras und Sensoren gespickt und werden rund um die Uhr genauestens beobachtet.

Das Glühen in der Nacht

Solange die Götter schlummern, sollte man sich deshalb aufmachen, ihr Reich zu erkunden: Auf dem aktivsten, dem Stromboli, geht ohne gute Wanderschuhe, einen Helm, eine dicke Jacke und eine Stirnlampe gar nichts. Harmlos beginnt die Tour auf der beschaulichen Piazza vor der barocken Kirche. Wir schlängeln uns durch enge Gassen zwischen weissgetünchten Häuschen, vorbei an einem schwarzen Steinstrand mit ein paar bunten Sonnenschirmen und tauchen dann, langsam im Zickzack aufwärtssteigend, in die blühende und duftende Macchia ein. Die Abendsonne wärmt noch, doch werden die Schatten hinter uns schon länger. Auf 400 m.ü.M. ist Schluss. Der weitere Weg zum Gipfel ist abgeriegelt, seit der Vulkan 2024 das letzte Mal so richtig ausgebrochen war.

Aber das macht nichts, denn was uns der aktivste Vulkan Europas alle 10 Minuten bietet, ist auch hier unten Spektakel genug: Ein Rumpeln, ein Gurgeln, ein Zischen und schon schiesst dicker, brauner Rauch aus der Spitze, quillt zu einer immer grösseren und dünner werdenden Wolke an und zergeht alsbald im blassblauen Abendhimmel. Zum Meer hinab ergiesst sich eine Staublawine, aus der sich einzelne Lavabrocken lösen und in grossen Sprüngen bis ins Meer kullern. In den Pausen zwischen den Ausbrüchen steigt die Anspannung der Zuschauer immer wieder bis fast zum Zerplatzen. Sie löst sich in begeisterten Aaaahs und Oooohs beim nächsten Rauchzeichen.

Sobald die rote Sonnenscheibe im Meer versinkt, wird es spürbar kühler, die Dämmerung dichter und das Fauchen des Vulkans noch faszinierender: Jeder seiner riesenhaften Atemzüge wird jetzt begleitet von einer rotglühenden, goldene Funken sprühenden Fontäne. Und die kleine Lawine danach bilden jetzt rote, hüpfende Tupfen auf schwarzem Grund. Wir bilden wenig später mit unseren Stirnlampen kleine weisse Tupfen in der Dunkelheit, die sich in lockerer Folge wie Glühwürmchen den Berg hinunterschlängeln. Auf der gemütlichen Bootsfahrt zurück zum «Base Camp», einem eleganten Hotel auf Lipari, hängen alle in Gedanken dem einmaligen Erlebnis nach, bis die weichen, schwarzen Wellen einige einnicken lassen.

Ein Gelato auf der Piazza

Obwohl man sich hier den Naturgewalten nahe weiss, ist die Zivilisation dennoch nicht weit weg. Die Inseln liegen 20 Bootsminuten bis eine gute Stunde voneinander entfernt, und Kalabrien und Sizilien sind bei klarem Wetter in Sichtweite. Tagsüber verkehren unzählige grosse und kleine Schiffe zwischen den Inseln selbst und dem Festland. Statt einsam und isoliert fühlt man sich eher wie mittendrin. Und nicht nur auf den Wasserwegen wimmelt es. Auch auf der Piazza am Hafen wuselt es den ganzen Tag: Kinder spielen Fussball oder fahren Rad, alte Fischer diskutieren gestikulierend am Fuss der Statue des Inselheiligen San Bartolomeo, und die Frauen plaudern auf einer Eckbank.

«Im Winter ist es vor Langeweile aber nicht auszuhalten», beklagt sich derweil ein zwanzigjähriger Matrose – dennoch kommen viele früher oder später wieder zurück, nachdem sie die Ausbildungs- und Wanderjahre auf dem Festland verbracht haben. Andere kommen auf Besuch und bleiben, wie die schweizerische Boutiquebesitzerin mit dem grossen Hund oder die archeologiebegeisterte Fremdenführerin aus Frankreich.

Wer eine Insel erwandert hat, setzt am nächsten Tag mit einem der kleinen Ausflugsboote auf die nächste über – so es der Meeresgott Poseidon und Äolus, der Herr der Winde, zulassen. Man legt sich auf die warmen Planken in die Sonne oder klettert barfuss aufs flache Bootsdach, lässt die Beine über die Reling baumeln und geniesst die Aussicht, während der Motor rhythmisch stampft und der Bug durch die Wellen pflügt.

Dem Auge bietet sich von hier oben eine unablässig wechselnde Szenerie: Die meist kleinen, weissen Siedlungen ducken sich am Fuss der hohen Bergflanken in den wenigen flachen Buchten. Die Mehrzahl der Küsten sind hohe Klippen, die in wilder Abfolge schwarz, bunt gebändert oder bröckelig-gelb steil ins Meer abfallen. Darüber das vom letzten Regen frisch gewaschene Grün der Macchia, durchsetzt vom glühenden Gelb der blühenden Gingsterbüsche.

Dunkle Geschichte

Doch nicht nur der Feuer-, der Meer- und der Windgott haben die Inseln geprägt, auch die Menschen haben ihre tiefen Spuren hinterlassen: In der Bucht unter einem riesigen Bimssteinbruch, der wie eine offene Wunde an einer Flanke der Hauptinsel Liparin klafft, starren alte Fabrikhallen aus ihren schwarzen Fensterlöchern Vorüberfahrende an. Die verrosteten Landungsstege recken sich wie Finger von Untoten jedem entgegen, der näher zu kommen wagt.

Hier haben im Mittelalter viele Sklaven und später Kriegsgefangene ihr Leben gelassen bei der Arbeit. Die Hagia Sofia in Istanbul zum Beispiel hat nur so hoch gebaut werden können, weil die Kuppel aus leichten liparischen Bimssteinquadern besteht. Und für die Herstellung von Munition während der Weltkriege brauchte es Unmengen von Schwefel, der hier reichlich vorhanden war. Doch Bimsstein und Schwefel gibt es heute günstiger anderswo, und so mussten sich die Liparesi nach einem neuen Broterwerb umschauen.

Heute leben sie vom Kapern- und Tomatenanbau und von den vielen Touristen. Wer vor dem Juni kommt, hat die Inseln und die Einheimischen allerdings noch fast für sich allein. In dieser Jahreszeit sind die Gärten und die Macchia in voller Blüte und die Wälder noch feucht und schattig. Über ruppige, steile Wege geht es dann in der kühlen Luft noch fast mühelos bis über die Wolkenbänder um die höchsten Gipfel.

Da die Wege nur selten markiert sind, ist hier ein ortskundiger Wanderleiter Gold wert. Da dieser auch noch alle Schiffs- und Busfahrpläne im Kopf oder auf dem Handy hat, kann man sich völlig sorgenfrei dem reinen Naturerlebnis hingeben. Nach den ebenso anspruchsvollen Auf- wie Abstiegen durch ausgewaschene Bachbeete, enge Rinnen unter hochaufragenden Wänden und kiesige Serpentinen zurück auf Meereshöhe warten dann einsame Buchten und ein erfrischendes Bad im glasklaren Frühlingsmeer – einfach göttlich.

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